Staaten kommen und gehen – Gott bleibt

Erinnerungskultur der deutschen Teilung – Entwicklung von Arbeitsmaterialien

Wie wurde die Teilung im „Zonenrandgebiet“ erlebt? Ein von der Bundesstiftung Aufarbeitung gefördertes Projekt der Ländlichen Heimvolkshochschule Mariaspring geht dieser Frage nach – mit Archivrecherchen, Zeitzeugenberichten und Exkursionen ins Eichsfeld. Daraus entstehen offene Bildungsmaterialien (OER) für eine lebendige Auseinandersetzung mit der deutschen Zeitgeschichte. Ziel ist es, neue Blickwinkel zu eröffnen, zum Austausch anzuregen und die Teilung nicht nur als Schwarz-Weiß-Bild zu sehen, sondern in ihrer Viel-schichtigkeit zu begreifen und daraus Impulse für politische Bildung heute zu gewinnen

Über den Autor

Boris Brokmeier

Boris Brokmeier

Leitung Mariaspring

Arbeitsschwerpunkt: Historisch-politische Bildung

„Im Vergleich zur Bevölkerung in der DDR brauchen die Bürger der Bundesrepublik Deutschland beim Einkauf keine Versorgungslücken, Einschränkungen des Warenangebots oder lange Wartezeiten hinnehmen. Das Konsumgüterangebot ist reichhaltig und auf die Wünsche der Verbraucher abgestimmt. In der DDR ist das Warenangebot im Durchschnitt von geringerer Qualität (…).“ (BMB 1985)

Diese bundesdeutsche regierungsamtliche Einschätzung ist dem „Zahlenspiegel“ des Bundesministeriums für inner-deutsche Beziehungen von 1985 zu entnehmen. Diese jährlich unter dem vollständigen Titel „Zahlenspiegel Bundesrepublik Deutschland / Deutsche Demokratische Republik – Ein Vergleich“ herausgegebene und vom Gesamtdeutschen Institut redaktionell verantwortete Publikation stellte auf rund 130 Seiten statistische Vergleiche beider deutscher Staaten an und kommentierte nicht nur die Zahlen, sondern nahm vielmehr auch Ein- schätzungen und Wertungen vor, wie die o. g. zum Warenangebot in beiden Ländern. Der „Zahlenspiegel“ richtete sich, wie im Vorwort ausgeführt wird, an Schulen und an die außerschulische politische Bildung und war als Arbeitshilfe zur Behandlung der „Deutschen Frage“ gedacht. Die Publikation lieferte nicht nur Zahlen, sondern eben auch umfangreiche ideologisch konnotierte Texte im Sinne einer Ver-deutlichung der Vorzüge des westdeutschen freiheitlichen Systems.

Diese und andere regierungsamtliche Veröffentlichungen aus der Zeit der deutschen Teilung warfen während der Reflexion der politischen Bildung zur deutschen Teilung und Wiedervereinigung in der Heimvolkshochschule Mariaspring die Frage auf, ob und ggf. wie Menschen, die auf der westdeutschen Seite in Grenznähe lebten, intensiver und zielgerichteter bundesdeutscher Regierungspropaganda zur deutschen Teilung, zur Grenze und zur besseren Lebenssituation im Westen ausgesetzt waren.

Diese Fragestellung ist insofern für die historisch-politische Bildungsarbeit in Mariaspring relevant, weil Seminare zur Geschichte der deutschen Teilung, zur Situation auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze und zur Entwicklung der ehemaligen Grenzregion nach der Wiedervereinigung zum festen Bestandteil des Bildungsangebots gehören. Die Heimvolkshochschule in Bovenden befindet sich ebenfalls
im grenznahen Bereich, der früher nicht nur umgangssprachlich, sondern auch regierungsamtlich „Zonenrandgebiet“ genannt wurde. Auch dieser Terminus besaß eine gewollte ideologische bzw. propagandistische Funktion.

nicht nur umgangssprachlich, sondern auch regierungsamtlich Zonenrandgebiet genannt

Wir verstehen unsere Bildungsangebote nicht als pure Wissensvermittlung, sondern als Angebot vertiefter Auseinandersetzung und Ur-teilsbildung zur deutsch-deutschen Zeitgeschichte. Die dafür ausgewählten Themen sollen bei den Teilnehmenden neben dem notwendigen Interesse ein Bewusstsein für die damalige Situation der Menschen auf beiden Seiten der Grenze schaffen. Wir wollen damit die für diese Zeit typische Schwarz-Weiß-Malerei überwinden und ein differenziertes Bild schaffen, das zur Auseinandersetzung mit dem Thema im Seminar motiviert.

In den jeweiligen Bildungsveranstaltungen, die i. d. R. als fünftägige Bildungsurlaube angeboten werden, stellen wir immer wieder fest, dass es insbesondere bei Erwachsenen, die der sogenannten Erlebnisgeneration zuzurechnen sind, ein Interesse an diesem zeitgeschichtlichen
Themenkomplex gibt. Die Teilnehmenden kommen aus West- und Ostdeutschland und zum Großteil nicht aus dem unmittelbaren ehemaligen Grenzbereich. Einige von ihnen verfügen über biografische Erfahrungen, weil es verwandtschaftliche Beziehungen in den jeweils anderen Teil
Deutschlands gab, andere unternahmen Reisen in die DDR oder wohnten im „Zonenrandgebiet“ und die Grenze war Teil ihres Alltags. Ehe-malige Zoll- und Bundesgrenzschutz-Beamte (BGS), die an der Grenze eingesetzt waren, nahmen ebenfalls an einigen Seminaren teil und konnten ihre spezifischen beruflichen Erfahrungen einbringen.

Frontverlauf der Demokratie?

Zum recht breiten Themenkomplex deutscher Zeitgeschichte existiert inzwischen eine schwer überschaubare Zahl an Büchern, Broschüren, Filmen und Websites. Dennoch begeben wir uns immer wieder auf die Suche nach geeigneten Arbeitsmaterialien für unsere Seminare, um
intensiver in bestimmte Fragestellungen zu historischen Ereignissen einzutauchen. Daraus entwickelten wir die Idee, eigene Arbeitsmaterialien für die Erwachsenenbildung zu erstellen, die als OER-Material (Open Education Resources) genutzt werden können. Es soll nicht das x-te Themenheft entstehen, sondern digitale Materialien, die verändert, angepasst oder gekürzt werden können, je nach Zielgruppe. Die Materialien sollen weiteren interessierten Einrichtungen in der Erwachsenenbildung zur Verfügung stehen. Auf diesem Wege möchten wir die Aufmerk-samkeit in der historisch-politischen Bildung auf die Bearbeitung zeitgeschichtlicher Themen lenken.

Das Entwickeln und Erstellen solcher Arbeitshilfen ist nunmehr zusammen mit umfangreichen Archivrecherchen Gegenstand eines Projektes mit dem Titel „West – Ost – Eichsfeld“ geworden, das von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur gefördert wird. Anhand nach-folgender Leitfragen orientiert sich die Arbeit im laufenden Projekt:

– Wie nahmen die Menschen es wahr, dass sie an dieser „Systemgrenze“ auch eine repräsentative Funktion hatten?

– Wie wurde beurteilt, dass Besuchern bzw. Grenztouristen und Teilnehmern an Bildungsreisen vor der alltäglichen Kulisse der erschreckenden Grenzanlagen vermittelt werden sollte, welche Freiheiten sie in einer Demokratie genießen?

– Verstand man sich selbst als Teil eines „Frontverlaufs der Demokratie“ und wurde dieses Gefühl durch Grenznähe, Familienbande und das kulturelle Erbe der Region verstärkt oder stand den Eichsfelder*innen vornehmlich die tagtäglich erfahrene konkrete Trennung vor Augen?

Den vollständigen Artikel können Sie hier lesen.

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